Yoga typengerecht praktizieren und die eigene Mitte finden

Nicht jede Yogaübung ist für jeden Menschen gleich geeignet. Ayurveda lehrt uns, wie wir Yoga typengerecht praktizieren, um erhöhte Energieanteile zu reduzieren und wieder in unsere Mitte kommen. 

In meinen Yogaklassen beobachte ich immer wieder, wie manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer verbissen und verkrampft üben während andere sich schwertun, ihre Komfortzone zu verlassen und sich etwas mehr anzustrengen. Wieder andere verwechseln häufig die Seiten und schauen hilflos in die Runde, weil sie auf dem linken Bein stehen und alle anderen das rechte Bein vorne haben

Der Ayurveda, die Jahrtausendealte Wissenslehre aus Indien, sieht den Menschen als einzigartiges Individuum. Jeder hat spezielle Fähigkeiten und Stärken und Potentiale für seine persönliche Entwicklung. Der Grund liegt –vereinfacht gesagt – in den Elementen, welche die Natur und somit auch uns prägen.

Im Einklang mit der eigenen Konstitution leben

Die Ayurvedische Lehre ordnet bestimmte Elemente, die für gewisse Funktionen im Körper zuständig sind. Er nennt diese Elemente Doshas, wörtlich «Verunreinigung» oder «das, was Probleme verursachen kann.» Die Doshas verleihen dem Menschen seine individuelle Konstitution und regulieren seine körperliche und geistige Funktionen.

Jeder Mensch wird mit einer ihm eigenen Konstitution (Prakriti), also einer ihm eigenen Mischung aus drei Doshas geboren. Wenn ihr Gleichgewicht zum Beispiel durch falsche Ernährung oder einen unpassenden Lebensstil ins Ungleichgewicht gerät, entsteht ein unnatürlicher, potentiell krank machender Zustand (Vikriti).  Ich benutze in meinen Vorträgen und Beratungen als Erklärung gerne das Wort «Ordnungsprinzip», was auch Menschen ohne Kenntnisse der indischen Philosophien einen leichten Zugang zu dem Gedanken der Doshas ermöglicht.

Das Ordnungsprinzip Kapha

Die Elemente Erde und Wasser sind laut ayurvedischer Lehre schwer, stabil, unbeweglich, kalt, feucht, schleimig aber auch mild und weich. Diese Eigenschaften schenken dem Körper Stabilität, Widerstandkraft und Kraft. Unser Bewegungsapparat mit seinen Knochen, Muskeln, Gelenken, Sehen und Bändern wird vorwiegend diesem Ordnungsprinzip zugeordnet. Der Ayurveda nennt es Kapha.

Menschen, die sich zum Beispiel zu schwer, zu süss und zu klebrig ernähren, zu starr in ihrem Lebensstil verharren und kaum Veränderungen zulassen oder sich nicht ausreichen bewegen, neigen dazu, diese Eigenschaften auch beim Yoga zu leben. Sie lieben lang gehaltene Asanas ohne grosse Anstrengungen, praktizieren am liebsten YinYoga und sehnen beim Yoga die Endentspannung herbei. Doch genau diese Yogapraxis erhöht weitere Eigenschaften wie schwer, unbeweglich und weich. Ihr Dosha Kapha wird weiter erhöht, was kontraproduktiv ist und im schlimmsten Fall (zusammen mit der Ernährung und der Lebensweise) zu Krankheiten führen kann.

Kapha benötigt Schwung

Die Konsequenz: Teilnehmende meiner Yogaklassen, die ein ausgeprägtes Kapha Dosha ausweisen, dürfen sich etwas mehr anstrengen. Ich fordere sie – liebevoll und achtsam – auf, noch tiefer in die Übung zu gehen und noch tiefer zu atmen. Fliessende Bewegungen wie etwa der Sonnengruss tun ihnen gut, um wieder in Schwung zu kommen, ebenso aktivierende und energetsierendes Pranayam. Das mögen Kapha geprägte Konstitutionen nicht. Haben sie sich jedoch einmal überwunden, spüren sie die wohltuende und energetisierende Kraft, die ihnen diese Praxis schenkt. Ihr Körper ist aufgeladen, die oft bleierne Schwere weicht, sie haben mehr Schwung. Die Sprache ist für mich als Yogalehrer wichtig. Da ihre Eigenschaften und anderem klebrig, mild, schwer und weich sind, bringe ich etwas «Pfeffer» in meine Sprache. Nicht mitleidig und süsslich, sondern motivierend und etwas aufstachelnd. Aber immer empathisch und mitfühlend.

Das Ordnungsprinzip Pitta

Das Element Feuer ist heiss, sauer, scharf und spitz-durchdringend. Durch den geringen Wasseranteil, den das zweite Ordnungsprinzip hat, sind diese Konstitutionen flüssig und etwas ölig. Der Ayurveda nennt sie Dosha Pitta. Es schenkt uns Energie, Durchsetzungskraft und steuert unter anderem den Stoffwechsel. Ist es erhöht (zum Beispiel durch einen fordernden Job, scharfes und saures Essen, viel Alkohol und eine aggressive Umgebung) neigen Menschen mit einem erhöhten Pitta zu viel Ehrgeiz und überschreiten dabei oft ihre Grenzen und die von anderen (das feinstoffliche Prinzip Rajas auf mentaler Ebene ist dabei ebenso oft besonders ausgeprägt).

In meinem Yogaunterricht zeigt sich oft, dass sie alle Übungen besonders gut, ja perfekt machen wollen – getrieben vom Glauben, immer vorne dabei sein zu müssen. Nicht selten sind sie überkritisch sich selbst als auch anderen gegenüber und zweifeln gar an den Fähigkeiten des Lehrers. Sie halten die Übung länger als ihnen guttut. Ihr ganzer Körper zittert, der Atem wird gepresst und Schultern-Nackenpartie sind oft sehr verspannt. Und doch hören sie erst auf, wenn alle bereits in Balasana, der Stellung des Kindes liegen. Gewonnen!

Pitta braucht ein geöffnetes Herz

Pitta Konstitutionen haben sehr viel Energie, Kraft und einen grossen Willen. Sie benötigen physischen Anstrengung, jedoch in einem gemässigtem und kontrollierten Rahmen. Sie dürfen lernen, sich wieder mehr zu spüren, mehr auf ihre eigenen Grenzen zu achten. Ich fordere feurige Konstitutionen in meinen Yogastunden, achte aber auch auf genügend Ausgleich und Ruhephasen. Wenn sie «nur» in die Entspannung gehen würden, fühlen sie sich nicht wohl.

In ihrer Yogapraxis üben sie sich in einer «kraftlosen Anstrengung» (sthira sukham asanam YS 2.46f). Ich lade Pitta ein, sich anzustrengen und gleichzeitig an Körperpartien, an denen er Anspannung und Druck verspürt, weicher zu werden. Meistens sind das der Schulter-Nacken-Bereich, der Kiefer und die Wangen sowie der untere Rücken auf dem viel Druck lastet.

Was Pitta auf jeden Fall benötigt ist Selbstliebe. Da dieses Ordnungsprinzip ständig im Kampf und nie zufrieden ist und sich immer vergleicht, benötigen Betroffene Anerkennung und Wertschätzung. Pitta glaubt, diese durch harte Arbeit zu erhalten, bekommt sie jedoch selten. Die Folge: Er gibt sich noch mehr Mühe, arbeitet noch mehr und härter. Und scheitert wieder.

Durch den Yoga lernt Pitta, sich selber anzunehmen wie er ist und ein Gefühl der liebevollen Güte (YS 1.33 Brahmaviharas) zu entwickeln. Dies leite ich unter anderem durch Herzöffner und Rückbeugen an. Zudem zitiere ich philosophische Schriften und Gedanken zur Reflexion (da Pitta sehr intelligent ist und eine schnelle Auffassungsgabe besitzt, darf er auch intellektuell gefordert werden). Dabei achte ich auf eine ernsthafte Sprache und ein Auftreten auf Augenhöhe. Nichts ist Pitta mehr zuwider als eine zu kuschelige Atmosphäre und wenn jemand ein Gefühl der Schwäche vermittelt.

Das Ordnungsprinzip Vata

Die sehr subtilen und feinen Elemente Luft und Raum (auch als Äther bezeichnet) bilden das Ordnungsprinzip Vata. Dieses hat neben der Feinheit unter anderem Eigenschaften von kalt, rau, trocken, sehr beweglich, leicht. Vata wird dem Herz-Kreislaufsystem, Atem, Hormonsystem als auch im Gehirn- und Nervensystem zugeordnet.

In meiner Beratungspraxis mit hunderten von individuellen Konstitutionsanalysen beobachte ich sehr häufig aggraviertes, also erhöhtes Vata (unabhängig von der Urkonstitution, Pakriti). Dies ist nicht verwunderlich, erhöht unser durch Hektik und Schnelligkeit geprägter Lebensstil mit seiner heftigen Sinnnesüberreizung und massiven Bewegung (Pendeln, E-Mails, Social Media) doch kontinuierlich dieses Dosha. Viele meiner Klienten klagen über innere Unruhe, ständiges Grübeln, Sorgen, Ängste, Schlafstörungen und Verdauungsprobleme – klassische Anzeichen laut ayurvedischer Lehre von einem erhöhten Vata.

In meinen Yogastunden lässt sich zudem beobachten, dass «typische» Vata-Konstitutionen (feiner Körperbau, dünnes Haar, fein geschnittene Gesichtszüge, schmale Handgelenke usw.) sich sehr gerne, viel und schnell bewegen. Sie lieben Vinyasa-Yoga, komplexe und kreative Asanas und ständig etwas Neues. Sie mögen Musik, fliessende Bewegungen und reden häufig auch viel vor oder gar während der Yogastunde. Sie nähren also stetig ihr Vata zu ihrem Nachteil.

Vata benötigt Ruhe, Struktur und Erdung

Meine Yogapraxis für Vata ist genau das Gegenteil: Langsame ausgeführte einfache Übungen mit bewusstem Einsatz des Atems. Die Monotonie in den Übungen beruhigt den unsteten Vata-Geist. Nach und nach werden die Bewegungen ruhiger, langsamer und harmonischer. Ich lasse Vata lange in einer Asana verweilen, damit sie den Boden unter der Erde wieder zu spüren (Achtung: Vata ist sehr sensibel und oft ausgezehrt und schnell überfordert!). Standübungen und auch das bewusste Setzen von Mula Bandha (Beckenbodenverschluss) sind essentiell für Vata. Dazu rezitiere oder singe ich Mantras, um das leichte und spielerische Element in Vata zu befriedigen und dem Rauen und Trockenen mehr Wärme und Liebe zu schenken.

Wenn Vata sich in der Yogastunde mässig angestrengt hat, kann es sich auch beruhigen und in die Entspannung gehen. Sie haben durch ihre sehr leichten Elemente (welche im Chakra System dem Herz und Kehlkopf zugeordnet sind, also eher «nach oben gerichtet» sind) auch gute Voraussetzungen, um zu meditieren. Jedoch benötigen sie dafür eine klare Anleitung und Führung, sonst verlieren sie sich schnell in Gedankentraumreisen. Achtung: Meditation erhöht Vata, ich achte dabei immer auf eine gute Erdung und dass sie nach der Meditation wieder sicher in ihren Körper zurückfinden.

www.stress-auszeit.ch

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